Aktuelles

Der Verband Deutscher Schulgeographen e.V., Landesverband Bremen, protestiert gegen die dramatische Kürzung und Streichung des Unterrichtsfaches Geographie in Bremens allgemeiner Schulbildung seitens der Bildungssenatorin. 

An die
Senatorin für Bildung und Wissenschaft
Frau Renate Jürgens-Pieper
Rembertiring 8 – 12
28195 Bremen


Bremen, im Februar 2011


Das Unterrichtsfach Geographie im Bremer Bildungswesen
hier:    Protest und Stellungnahme gegen die Abwertung des Faches in den letzten Jahren!


Sehr geehrte Frau Senatorin Jürgens-Pieper,

Ich protestiere nachdrücklich gegen die Abwertung des Unterrichtsfaches Geographie im Bremer Bildungswesen und fordere Sie auf, dem Fach die Stellung wieder einzuräumen, die ihm für die sachgerechte Vermittlung geographischer und insbesondere geoökologischer Inhalte und Fertigkeiten in einer globalisierten und um ökologisch angemessene Verhaltensweisen kämpfenden Welt zukommt.
Dies ist m. E. nicht der Fall. Bereits unter Ihren Vorgängern im Amt wurde der Stundenumfang der Geographie reduziert sowie dessen Unterrichtsbedingungen gegenüber vergleichbaren Fächern, wie z. B. Geschichte und Politik, verschlechtert. Diesen Trend haben Sie deutlich fortgesetzt.

Nachweislich wurde die Stundenzahl des Geographieunterrichts an den allgemeinbildenden Bremer Schulen auf ein nicht mehr zu vertretendes Minimum gekürzt (s. u.). Die Folge: Geographische Kompetenzen und Inhalte werden nur noch rudimentär vermittelt. Dies belegt allein schon ein Vergleich der Bremer Bildungspläne bis zur Klasse 10 mit denen anderer Bundesländer. Topographisches Wissen wird laut den Bremer Bildungsplänen gar nicht mehr vermittelt, so dass auch die wenigen Bremer Schülerinnen und Schüler, die einen stundenweisen Geographieunterricht genießen dürfen, kaum mehr in der Lage sind, allgemein bekannte Orte in ihrer Lage auf Karten richtig zuzuordnen. Dies ergaben Untersuchungen des Verbandes Deutscher Schulgeographen e.V. anlässlich des jährlichen Schülerwettbewerbs „National Geographic Wissen“. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern glänzt Bremen im Durchschnitt weder durch besondere Teilnahmebereitschaft noch durch angemessene Leistungen. Das stimmt viele Bürgerinnen und Bürger einer Hafenstadt, die sich zur Weltoffenheit bekennt, bedenklich.


Die quantitative Betrachtung der vorgesehenen Unterrichtsstunden in den allgemeinbildenden Schulen zeigt Kürzung und Reduktion durch bildungspolitische Vorgaben. In der Schulrealität führte diese Degradierung zu einem untergeordneten Nebenfach. In den Bremer Gesamt- und Oberschulen ist das Fach „wegintegriert“ worden. Teile des Faches werden nur sequenziell in einem Integrationsfach „Gesellschaft und Politik“ unterrichtet. Dies erfolgt in der Praxis

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kaum von Geographielehrkräften, was die Unterrichts- und Lernqualität bezüglich geographischer Inhalte eher sinken lässt. Darüber hinaus hinterlässt eine solche „Containerisierung“ von Inhalten und Kompetenzen keine nachhaltige Lernwirkung.


Die Unterrichtsstundenzahl in Geographie in den Klassen 5 bis 9 des Gymnasiums wurde in den letzten Jahren gekürzt. Es werden ganze Jahrgangsstufen übersprungen, so dass die Vermittlung von geographischem Wissen und Kompetenzen in den Klassen 5 bis 9/10 sowohl in Ober- und Gesamtschule als auch im Gymnasium oberflächlich bleibt und man nur noch von reinem Erwähnungsunterricht sprechen muss.

In der Einführungsphase der Gymnasialen Oberstufe wird das Fach nur noch mit zwei bis maximal vier Unterrichtsstunden angeboten. Und das auch nur für die Schülerinnen und Schüler, die es freiwillig wählen, denn es gehört nicht zu den Pflichtfächern. Etliche Gymnasiale Oberstufen bieten Geographie gar nicht mehr oder wahlweise nur noch als zweistündigen Grundkurs an. Heute gibt es in der Stadt Bremen nur noch an neun Oberstufen (einschl. der Privatschulen) den Leistungskurs Geographie. Vor acht Jahren gab es ihn noch an 17. Nur noch an wenigen Gymnasialen Oberstufen ist Geographie Profilfach. Im Grundfach Geographie ist seit der Einführung des Zentralabiturs keine schriftliche Abiturprüfung mehr möglich.

 

Im Vergleich mit anderen Bundesländern liegt die im Fach Erdkunde / Geographie erteilte Unterrichtsstundenzahl in Bremen am unteren Ende. Auch der Vergleich von Inhalten und Kompetenzen der Bremer Bildungspläne für die Klassen 5 bis 9/10 im Fach Erdkunde / Geographie mit denen anderer Bundesländer lässt eine qualitative Reduzierung befürchten. Beispielsweise enthält der Bremer Bildungsplan des „Faches Gesellschaft und Politik“ (Klassen 5 bis 10) nur wenige inhaltliche und Kompetenzaspekte, die der Geographie zugeordnet werden können. Den Teilfächern Geschichte und Politik werden beinahe doppelt so viele Themeninhalte und Dimensionen zugeordnet wie dem Teilfach Geographie. Zudem enthält dieser Bildungsplan gar keine Operatorenliste für Geographie. Diese Aufführung von qualitativen, in Bremen bildungspolitisch offenbar gewollten Reduzierungen lässt sich mühelos ergänzen. Der Bildungsauftrag der Schule, zu dem die Vermittlung von Kompetenzen zur Orientierung im Raum gehört, ist deshalb grundsätzlich in Gefahr.

Dabei bringt ein moderner Erdkunde- bzw. Geographieunterricht unverzichtbare Inhalte in die Schule ein. Wie kein anderes Schulfach vermag es die Erdkunde / Geographie, Weltkenntnis und Weltverständnis z. B. in Hinblick auf die immer wichtiger werdenden Herausforderungen durch die Globalisierung zu vermitteln. Die Globalisierung geht einher mit Veränderungen in der Wirtschaft, in der Beschäftigungsstruktur und in der Mobilität. Sie steht im Zusammenhang mit dem Wandel der Industriegesellschaft zur Dienstleistungs- und Informations- bzw. Wissensgesellschaft. Darüber hinaus entwickelt geographische Bildung Europa- und Regionalbewusstsein, bahnt Sensibilität für Umwelt und Nachhaltigkeit an und fördert somit die Verantwortung für die Erde und deren künftige Gestaltung. Der Klimawandel gefährdet die Ernährungssicherheit, und er fördert die zunehmende grenzüberschreitende Migration. Es ist zukünftig notwendig, technologischen, ökonomischen und sozialen Disparitäten zwischen Erster und Dritter Welt sowie Extremismus und Terrorismus entschieden und vor allem fachgerecht zu begegnen. Hierzu schafft der Geographieunterricht wie kein anderer ein Bewusstsein bei den jungen Menschen. Außerdem vermittelt der Erdkunde- bzw. Geographieunterricht vielfältige, für die spätere Berufswahl wichtige Methoden (z. B. Geographische Informationssysteme), ist vernetzend, fachübergreifend und fächerverbindend. In der Geographie

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werden naturgeographische (z. B. geomorphologische und klimatologische) Strukturen und Fragestellungen mit anthropogenen (z. B. demographischen, sozial-, kultur-, wirtschaftsgeographischen) Grundlagen und Entwicklungen verknüpft und auf Räume bezogen (Regionen, Staaten, Städte, Kontinente, Landschaften, die gesamte Erde und ihre Atmosphäre; Topographie). In diesem Fach wird traditionell interdisziplinär gearbeitet, Vorurteilen gegenüber Fremdartigem (anderen Menschen, Gruppen, Kulturen und Lebensweisen) entgegengewirkt und zu Anerkennung, Toleranz und Sensibilität erzogen. Systemische Betrachtungsweisen vermitteln und erziehen dazu, die Erde durch nachhaltige Entwicklung zu bewahren. Insgesamt leistet die Erdkunde / Geographie somit einen erheblichen Beitrag zum Erwerb allgemeiner Kompetenzen.

Bremen sollte aus den negativen Erfahrungen der USA lernen, wo der Geographieunterricht durch „social studies“ ersetzt wurde. Ganze Schülergeneration konnten nicht einmal weltbekannte amerikanische und andere Städte auf Karten finden konnten, weil nur rudimentäre topographische und geographische Kenntnisse und Fertigkeiten vorhanden waren. Auf höchster politischer Ebene vom Bildungsnotstand der amerikanischen Nation gesprochen wurde. Heute hat geographische Bildung in den USA einen deutlich höheren Stellenwert als in Bremen. Lassen Sie es nicht dazu kommen, dass Bremer Schülerinnen und Schüler, was Kenntnisse von ihrer räumlichen Welt und den sich darin abspielenden räumlichen Prozessen angeht, nur noch bis zum Bremer Tellerrand sehen können, dass geographische Allgemeinbildung verfällt und geoökologische Gegebenheiten und Veränderungen der Ignoranz ausgeliefert sind. 

Aus diesen Gründen fordere ich Sie auf,

Gerne stehe ich zu Gesprächen über die Situation der Geographie in Bremen zur Verfügung und bin bereit, mich durch konstruktive Vorschläge zur Verbesserung der mangelhaften Situation einzubringen.

Mit freundlichen Grüßen